Juliane Koch

Herbst, Sonnenschein, Laubfärbung, Wochenende – wenn all das zusammenkommt, heißt es: Ab in die Natur! Im Land Brandenburg gibt es mit dem Baumkronenpfad in Beelitz-Heilstätten seit September 2015 eine neue Attraktion, die Natur und Kultur verbindet.

Ausgehend von einem 40m hohen mehrstöckigen – auch mit Aufzug erreichbaren – Aussichtsturm kann man auf einem ca. 320m langen Holzpfad über die Baumwipfel des Beelitzer Stadtwaldes wandern. Das Besondere im Vergleich zu anderen Baumkronenpfaden ist jedoch die einmalige Lage inmitten des Areals der ehemaligen Lungenheilstätten, einem einmaligen Zeugnis fortschrittlicher deutscher Gesundheitsarchitektur.

Viele der Anfang des 20. Jahrhundert gebauten villengleichen Sanatorien und Betriebsgebäude sind heute von der Natur zurück eroberte Ruinen. Der Baumkronenpfad führt direkt über das mit Bäumen und Sträuchern bewachsene eingestürzte Dach der damaligen Heilanstalt für Frauen und gewährt Einblicke in die damalige Architektur.

Der Aufstieg lohnt sich allein schon für den weiten Blick vom Aussichtsturm über das jetzt bunte Meer der Herbstbäume. Durch die Baumgipfel des artenreichen Bewuchses sind immer wieder weitere ehemalige Gebäude der Heilstätten, wie die Krankenhäuser, Chirurgie, Küchen- und Waschhaus, autarke technische Einrichtungen und sogar eine eigene Kirche zu erahnen.

Zwar sind bislang keine Ausstellungen, Informationstafeln oder Erlebnisstationen zur Ökologie oder Geschichte vorhanden, jedoch stehen freundliche, auskunftsfreudige und sachkundige Ansprechpartner entlang des Pfades für Fragen bereit. Bei ihnen erfährt man auch, dass eine Erweiterung der barrierefreien Konstruktion auf 1km bis hin zum ehemaligen Chirurgie-Gebäude geplant ist.

Künftig  wird es auch mehrere Auf- und Abstiegsmöglichkeiten am Baumwipfelpfad geben. Derzeit ist er nur von einem Punkt aus begehbar, weshalb man sich den 2,50m breiten Weg noch mit entgegenkommenden Besuchern teilen muss. Großzügige Sitzmöglichkeiten auf dem Pfad laden zum Verweilen und Genießen der Ausblicke an mehreren Blickachsen ein. Das konstruktionsbedingt seichte Schwanken des Baumwipfelpfades macht seinen besonderen Charme aus. „Seekranke“ unter dem stark gemischten Publikum sind jedenfalls nicht aufgefallen.

Zu Spitzenzeiten, zu denen ein sonniger Herbsttag definitiv gehört, wird es auf den großzügig angelegten Parkplätzen auch mal eng. Jedoch finden die freundlichen Einweiser stets eine Lösung. Besuchern aus dem Berliner Raum wird die ausgezeichnete Bahn-Direktanbindung empfohlen. Fußläufig ist der Eingang zum Pfad vom Bahnhof aus in 10 Minuten bequem erreichbar.  Die langen Schlangen an der Kasse und an der Biergarten-Gastronomie sind bei Traumwetter unvermeidbar. Es kommt aber nie Frust bei den Wartenden auf – dazu gibt es links und rechts des Weges zu viele Inspirationen, die von den Ruinen einer Zeit ausgehen. In der direkten Umgebung des Baumkronenpfades sind nun alle verfallenen Gebäude eingezäunt, was zwar dem Vandalismus in den mehr als 20 Jahren leerstehenden Bauten endlich Einhalt gebietet, aber Angst um den Charme des Verfallenen aufkommen lässt.

Wer mehr zur Geschichte der Beelitzer Heilstätten erfahren will, oder auch geführt Zugang zu den Ruinen erhalten möchte, kann vor Ort zusätzliche Touren buchen – diese werden vor allem an den Wochenenden angeboten. Informationstafeln vor den Gebäuden bieten den Besuchern mehrsprachige Einblicke in den damaligen Betrieb der Anstalt. Auf unregelmäßig stattfindende Führungen durch das Gehölz wird auf der Webseite und vor Ort hingewiesen.

Der Eintritt zu dem ohne staatliche Fördermittel  errichteten Beelitzer Baumwipfelpfad ist mit 9,50 € ähnlich hoch wie auf den Pfaden im Thüringer Hainich oder im Bayerischen Wald, auch wenn diese Pfade im Vergleich länger sind und Ausstellungszentren aufweisen.

Der Beelitzer Pfad unterscheidet sich allerdings grundlegend von bisher bekannten Erlebniswegen in luftiger Höhe. Hier sieht der Besucher nicht nur ein landschaftsarchitektonisches Kleinod – er wird auf seinem Weg über die Baumwipfel unmittelbar mit der Historie des deutschen Gesundheitswesens konfrontiert. Ein Besuch lohnt sich sicherlich zu allen Jahreszeiten!

Weitere Informationen finden Sie hier.